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7. Dez. 2021

On Techniques of Gathering

Im Rahmen der Ausstellung „Magazine“ im Kunstverein Hamburg hat das New Yorker online Radio Montez Press Radio die Impossible Library eingeladen eine Sendung zu gestalten. Die Sendung: „Impossible Library and Aron Rossmann-Kiss on Techniques of Gathering“ wurde am 27. Oktober 2021 live im Kunstverein Hamburg aufgezeichnet. Da die Sendung eine deutsch-englische Sprachmelange war, kann hier das Skript auf deutsch oder auf englisch nachgelesen oder im Radio hier gehört werden.

In einer Art Radio-Zine haben wir fragmentarische Gedanken, Eindrücke und kopiertes Material zusammengetragen und den Projektraum Impossible Library vorgestellt. Der Begriff "Techniken des Sammelns" steht im diffusen Zentrum des Beitrags, wird auf elliptischen Bahnen umkreist und in den Kontext unserer Arbeit gestellt. Der Künstler und unser ehemaliger Bewohner Aron Rossman-Kiss wird die Stimmen ergänzen.

RADIO SKRIPT:

Ina Römling (IR):
einsam beobachten
vorbeiziehende Augen
blätternde Seiten – Echo

Torben Körschkes (TK):
Spontaner Gast
durchzieht die Library
Tür zum Hof: Ciao

Wir sprechen
kurz unterbrochen nur
von der Kaffemühle

Nina Prader (NP):
Revoltierende Versammlung
Bibliotheken online
Subkulturen überleben gemeinsam

2 Jahre der Unmöglichkeit
im Nachhinein betrachtet
lesbare Stapel

Annika Dorau (AD):
In der Nische
hängt lebendige Textur
im Wind | ow.

Die Tür ist offen
Der Blick liegt
im Unmöglichen.

Die Lesenden
betreten den Raum -
Er ist nicht konform.

Regallila bis oben
Auf Kacheln schwebt
der Text.

Denkend sitze ich
In dem unmöglichen Raum
Und blättere die Seite um.

Aber wer sind wir? Leser:innen, Tiger, Bibliothekar:innen? Gast oder Geist?

IR: Hi ich bin Ina,

Liest zurzeit: Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Letztes Treffen: Booky Mc Bookface Planungstreffen?

Besitzt eine private Sammlung von Pflanzen.

TK: Hi ich bin Torben,

Liest zurzeit: “Vom Ende der Einsamkeit” von Benedict Wells und “Augmented Spaces and Maps” von Christine Schranz

Letztes Treffen: Treffen mit meinen Mitbewohner:innen.

Besitzt eine private Sammlung von möglichen Buchtiteln.

NP: Hi ich bin Nina,

Liest zurzeit: The Prophet von Khalil Gibran

Letztes Treffen: Treffen für Erinnerungsstrategien

Besitzt eine private Sammlung von unterschiedlichen Notizen.

AD: Hi ich bin Annika,

Liest zurzeit: Das periodische System von Primo Levi

Letztes Treffen: Hier. Diese Radio Show.

Besitzt eine private Sammlung von Muscheln.

Wir sind Bibliothekar:innen in der Impossible Library und wir sind hier, um über Techniken des Ver-Sammelns zu sprechen.

Dieser Vortrag ist eine Art Radio-Zine. Wir alle tragen kleine Texte und Gedanken über das Sammeln bei. Und wir haben einen ganz besonderen Gast. Eigentlich eine ganz besondere Gaststimme: Der Künstler und Forscher Aron Rossman-Kiss, der vor einer Woche unser Artist in Residence war. Wie ihr vielleicht bemerkt habt, ist dies ein deutsch-englisches Mixtape. Aber für alle, die nur Deutsch oder Englisch sprechen: lasst den Kopf nicht hängen: Es wird ein Textskript geben, das auf der Impossible Library Website und bei Montez Press nach unserem Gespräch veröffentlicht wird.

IR: Der Raum, über den wir sprechen, ist die Impossible Library: ein temporärer Raum voller unabhängiger Zeitschriften. Die Impossible Library ist ein Gemeinschaftsprojekt von HEFT, Die Brueder Publishing und Annika Dorau in Zusammenarbeit mit Lady Liberty Press. Gefördert für zwei Jahre durch den Elbkulturfonds Hamburg.

TK: Wir spielen jetzt das wundervolle Lied „Rare fit“ von dem Multi-Instrumentalisten Bastien Keb.

[RARE FIT by BASTIEN KEB]

AD: Vorab eine kurze Bemerkung zur Ungeduld des Äußeren.

Es gibt die absurde Idee, dass das Veräußern, also auch das Veröffentlichen wesentlicher für einen Raum, eine Publikation ist, als das Verinnerlichen. Wider der Erwartung des Äußeren kommen wir dem Nischenwesen der unabhängigen Publikation so nur bedingt näher, wenn überhaupt.

Und ich glaube, das liegt daran, dass Lesen und Schreiben ein Akt der Einsamkeit ist. Der Akt des Sprechens ist es meistens nicht. Wie man hören kann. Es ist ein publizistischer Akt. Obwohl dies für unsere soziale Interaktion von entscheidender Bedeutung ist, möchte ich über das unmögliche Sammeln in der Einsamkeit sprechen oder, wenn man so will, über den Impossible Library Baukasten des Sammelns. Ich habe einige Werkzeuge rausgesucht, die man in der Bibliothek verwenden kann.

Das erste Werkzeug ist die Bibliothek selbst.

Eine Bibliothek ist Noise, wie jede Sammlung. Sie ist absichtlicher Noise. Nur der/die Leser:in verwandelt sie in eine Geräuschkulisse, in der er wandert und staunt.

Das zweite Werkzeug ist die Besucher:in.

Hier macht das deutsche Wort "Besucherin" mehr Sinn als der englische Begriff "visitor". Denn das Wort Besucher beinhaltet Suche, was bedeutet, dass man auf der Suche nach etwas ist. Vielleicht absichtlich, vielleicht auch nicht, aber dennoch sucht die Besucher:in etwas in der Bibliothek. Wie wählt sie eine Publikation aus den wahllos gefüllten Regalen aus? Nach Farbe, nach Titel, nach Sprache, nach Zufall? Das ist seine/ihre Entscheidung. Aber nehmen wir an, sie/er wählt eine Publikation aus dem ersten Stock, zweites Regal links.

Jetzt hält sie eine unabhängige Publikation in der Hand. Und das ist unser drittes Werkzeug. Die unabhängige Publikation.

Warum unabhängig und nicht nur eine Publikation? Weil der größte Teil unseres Sortiments von unabhängigen Verlagen herausgegeben wird. Manchmal werden sie zu Hause in der eigenen Druckerei gedruckt und von den Verleger:innen selbst zusammengeklebt. Diese Veröffentlichungen sind Liebesdienste. Und da sie ohne die Erwartung, sehr reich zu werden, veröffentlicht werden variieren die Themen, die Sujets sind vielfältig. Ein riesiges Sammelsurium an flüchtigen Nischen. Und nun kommt unser:e Besucher:in. Sie/Er hat eine Publikation gefunden, sie/er hält sie in der Hand.

Und hier ist unser 4. Werkzeug: Lesen.

Sie/er setzt sich hin. Sie/er nimmt die Publikation in die Hand. Sie/er schlägt sie auf. Jetzt versteht sie/er die Sprache, interpretiert die Zeichen, folgt den Worten. Seite für Seite. Manchmal liest sie/er Bilder, Farben, Formen, die Haptik des Papiers. Aber vor allem folgt sie/er den Gedanken, den fremden Gedanken. Ersetzt sie durch ihre/seine eigenen und umgekehrt. Ein stiller Dialog. Eigene und fremde Gedanken miteinander verwebend. Die Publikation zur Seite legen. Einen Kaffee kochen. Die Tage verstreichen lassen.

Die Frage. Die Frage. Die Frage drängt und in allen Texten nur lose Enden.

Sie/er setzt sich wieder hin. Nimmt das Buch in die Hand und liest.

Wie man sehen konnte, waren die von mir beschriebenen Hilfsmittel kurz gesagt: ein Raum, den eine Person betritt, in dem sie eine unabhängige Publikation findet und liest. Das ist es, was ich als unmögliches Ver-Sammeln in der Einsamkeit bezeichnen möchte.

[Song: Groove Mix by Saint-Saens fade in – fade out]

TK: Ganz hinten im Bild verdecken die Berge den Horizont. Davor, auf einer weiten Wiese und zu einem U arrangiert, stehen mehrere Tische und Bänke. Auf weißen Tischdecken liegt alles bereit für ein gemeinsames Festmahl, das noch nicht angefangen hat: Die Teller sind blank, das Besteck liegt unberührt in Servietten gewickelt. Die 160 Sitzenden warten gespannt, blicken zur kurzen Seite des Us. Um die Tafel herum, auf dem Gelände verteilt, stehen weitere Menschen, beobachten das U erwartungsvoll.

[Song: Groove Mix by Saint-Saens fade in – fade out]

Kopf an Kopf stehen sich hunderte Kleintransporter in Reihen gegenüber. Sie bilden zwischen ihren geöffneten Heckklappen lange, breite Gänge. Vor jedem Laderaum sind Kisten aufgebaut, die in der Betrachtung von oben im Kontrast zu den weißen und blauen Dächern der Transporter bunt leuchten: Äpfel, Tomaten, Kürbisse sind zu erkennen. Dazwischen werden noch vereinzelt Karren herumgeschoben, letzte Vorbereitungen getroffen, bevor die ersten Käufer*innen kommen.

[Song: Groove Mix by Saint-Saens fade in – fade out]

In einem kleinen Raum stehen verteilt einige Holzhocker. Auf jedem stapeln sich scheinbar wahllos Magazine. Man sieht links eine steile Treppe, die auf eine Empore führt. Dort finden sich drei leere Regale, deckenhoch. Vor einer der Wände unten sind zwei längliche Holzkisten aufgebaut, getragen von dünnen Beinen. Sie zeigen eine Auswahl von sieben bzw. elf Magazinen und einige Notizen dazu, auf pinkem Papier. Die hintere Tür des Raums ist geöffnet. Stadtluft und -geräusche dringen herein.

[Song: Groove Mix by Saint-Saens fade in – fade out]

Wenn sich Dinge versammeln, kommen sie geografisch oder virtuell zusammen. Damit einher gehen Fragen nach Zugänglichkeit und Geschlossenheit, wobei das eine nicht per se besser ist als das andere. Ehrlicher Austausch braucht Intimität, Gemeinschaftsgefühl, Sicherheit. Gleichzeitig läuft die dauerhaft gewordene Versammlung immer Gefahr zu verkrusten, d.h. auf eine totalitäre Weise statisch, unzugänglich und ausschließend zu sein. Die dauerhaft gewordene Versammlung beginnt sich zu mythologisieren. Sie schafft pseudo-ursprüngliche Gemeinsamkeiten, schreibt sich einen Gründungsepos, einen Stammbaum, der keine Zweifel zulässt. Sie definiert und begründet ihr Territorium in diesen Geschichten. Irgendwann kommt es, mit den schönen Worten Joseph Vogls, zu „symbolischen Verklumpungen“: Die dauerhaft gewordene Versammlung schwafelt von einem „Naturzustand“, von „Blutsbande“, schwingt ihre Fahne, singt ihre Hymne, bildet sich ein eine Einheit zu bilden.

Aber die Versammlung muss nich dauerhaft werden!

Denn wenn sich Dinge versammeln, gibt es auch Bewegung und Begegnung. Der Dichter Édouard Glissant spricht von einem „unvorhersehbaren Zusammenspiel“. Die Versammlung ohne Gründungsepos und Stammbaum, die nicht dauerhaft gewordene Versammlung, ist nie verwirklicht, versucht dieses unvorhersehbare Zusammenspiel immer Aufrecht zu erhalten. Als ephemere Ordnung kann sie Intimität, Gemeinschaftsgefühl und Sicherheit bieten. Aber sie darf sich nicht vollenden, nicht vollends verorten. Die Verbindungen oder Fäden einer solchen enttotalisierten Versammlung – wie wir sie uns auch in der Impossible Library vorstellen – sind flüchtig, temporär, strategisch. Sie sind denkbar als temporäre autonome Zonen, wie Hakim Bey das nennt. Sie bilden Zusammenschlüsse, um eine dringende Frage zu bearbeiten und lösen sich danach wieder auf, um an einem anderen Ort und in anderer Form erneut zu entstehen. Sie bleiben potenziell unmöglich: Unmöglich zu beschreiben. Unmöglich zu vollenden. Unmöglich zu erhalten. Das gilt sowohl für die versammelten Individuen, als auch für die versammelten Publikationen.

[Song: Augen in der Großstadt by Gisela May]

NP: An alle Zuhörer:innen in NYC.

Ein Hoch auf Wendy's Subway, ein Hoch auf das Interference Archive! Und Just SEEDS! Und Booklyn Inc.!

Auf Printed Matter Inc.!

Wenn wir über Bibliotheken – oder jede Art von Archiv – sprechen, muss ich an den Gedanken denken, dass kein Archiv in seinem System jemals unschuldig ist. Ich bin immer auf der Suche nach Strategien, die den Begriff des Archivs umgeben, um zu lernen, auszutauschen und zu verlernen. Neben dem Entwerfen und Aktivieren von Visionen für eine produktivere und intersektionale Zukunft interessiert mich besonders, wie Archive zu sichereren Räumen der Pflege und Heilung gestaltet werden können.

Die Bibliothek ist ein Gemeinschaftsgarten. Die Verleger:innen. Die Leser:innen. Die Stapel. Die gebundenen Meinungen und Überzeugungen. Der Bibliotheksausweis als öffentlicher Zugang zum Wissen.

Der bekannte Gelehrte und Lehrer Bell Hook schreibt in "Gemeinschaft lehren - eine Pädagogik der Hoffnung": Die herrschende Kultur hat versucht, uns alle in Angst zu halten, uns dazu zu bringen, Sicherheit statt Risiko, Gleichheit statt Vielfalt zu wählen. Diese Angst zu überwinden, herauszufinden, was uns verbindet, unsere Unterschiede zu genießen - das ist der Prozess, der uns einander näher bringt, der uns eine Welt gemeinsamer Werte, eine sinnvolle Gemeinschaft gibt.

Ich stöbere in den Stapeln, ich schwelge, ich sammle, ich lerne.

Denkt an flüchtige Bibliotheken...

Denkt an all die Avantgarde-Autor:innen, die während des Zweiten Weltkriegs für die deutschsprachige Kultur durch Bücherverbrennungen oder Exil verloren gingen, weil sie als "entartet" galten...

Denkt an queer-feministische Bibliotheken in Schuhkartons...

Denkt an Black Panther...

Unabhängige Bibliotheken wie Zine-Bibliotheken oder Künstler:innenbucharchive entstehen aus dem Bedürfnis nach Repräsentation abseits institutioneller Systeme oder als emanzipatorischer Akt zur Gründung eines eigenen Wissenssystems. Der Begriff des Archivs ist mächtig. Seine Spannungen und Kämpfe sind eine unerschöpfliche Quelle für das Schreiben und Umschreiben von Geschichten, das Sichtbar- und Unsichtbarmachen, das Erforschen und Auffinden von unerwartetem Wissen.

Und nicht zuletzt ist die Bibliothek SEXY und voller Begehren:

In diesem Sinne: Shout out an die Open Zine Library, Fanzinest und Transformer Distro in Wien.

Ich möchte einen Song teilen, auf den ich zum ersten Mal aufmerksam gemacht wurde, als ich noch Paper & Tape auf Radio Orange produzierte, und zwar vom Wiener Transformer Music-Mann und Vienna Subculture King Pin: Karl Knall von Boys Beach: "Mein Schöner Bibliothekar"

Was grob übersetzt einen Liebesbrief bedeutet: "Mein Schöner Bibliothekar" und die Hooklike übersetzt sich in etwa so: "Willst du mich auch katalogisieren? mit deinen schönen Händen."

[Boys Beach: Mein schöner Bibliothekar]

Impossible Library Team Mitglieder Annika Dorau und Ina Römling während der Aufnahme.

IR: „Was ist der Zweck deines Besuchs?“ Um zusammen zu kommen braucht es Räume

und einen Grund – was versammelt uns? Vielleicht das Versprechen von Anderen zu lernen, eine Community zu finden oder aufzubauen. Die Nische sein in die sich auch noch andere retten.

Denn in der Horizonte zum Thema “Angst” sagen Oskar Negt und Alexander Kluge „man muss die Tatsache akzeptieren, dass der Staat den öffentlichen Raum besetzt und der/die Rebell:in nicht.“

Unter unabhängige, alternative Publikationen, Sammlungen, Archive und Räume schleicht sich die Hoffnung auf eine Abbildung, Ansammlung, Verschlagwortung und Verortung einer diversen Gesellschaft. Eine Utopie.

Mit einem Blick in die Fußnoten wird der Schimmer stumpf und gleich wieder verworfen. Es werden die ewig selben zitiert. Ich zitiere die ewig selben. Hört die Utopie da schon auf?

Durch das Schaufenster dringen die Schatten Flanierender.

Blicke huschen über sojabasierte pigmente und babyblauen plastik Tüll. Da ist nur ein halber Kopf und der Mund sagt „o“.

Auf dem roten Teppich liegend zitiert Emily Kutil in Horizonte nr 8 über ´grenzen´ Italo Calvino: „immer wenn die Menschheit zur Schwere verurteilt zu sein scheint, denke ich, ich sollte fliegen… in einen anderen Raum. Ich meine damit nicht die Flucht in Träume oder ins Irrationale. Ich meine, dass ich meine Herangehensweise ändern und die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten muss, mit einer anderen Logik und neuen Methoden der Erkenntnis und Überprüfung. Die Bilder der Leichtigkeit, die ich suche, sollten nicht wie Träume verblassen, die von den Realitäten der Gegenwart und der Zukunft aufgelöst werden…“ und Kutil ergänzt „Flucht ist für Calvino kein Eskapismus, sondern bedeutet Beweglichkeit – es geht darum, eine Vorstellungskraft zu entwickeln, die beweglich genug ist, um reale Grenzen neu zu begreifen. Es ist möglich, dass wir, um die Struktur unserer Umwelt wirklich zu verändern, nicht fliehen, sondern bleiben müssen – indem wir tief in die Grenzen investieren, die wir für uns selbst geschaffen haben, ihre Logik verstehen und ihre Bedeutung spielerisch neu erfinden.”

Und wie bleibt eins und investiert?

Ich finde einen Ansatz im Magazine Automatique.

Julia Nitschke schlägt auf Seite 23 vor: anzugreifen. Aber mit care. und erklärt das so:

“Basilikum muss gestreichelt werden,
sonst geht es ein und kann sein Wachstum nicht regulieren.
Sonst fehlt eine Grenzwahrnehmung
von außen
und das Basilikum wächst uneingeschränkt
in die Höhe
ohne aber seine solide Basis aufzubauen -
also ohne eine innere Mitte
auch –Balance– genannt

In Österreich heißt die Frage
darf ich den Hund streicheln? –
Darf ich den Hund angreifen?
Ergo lautet die Übersetzung
Das Basilikum muss angegriffen werden”

Jedes einzelne Magazin ist eine Versammlung in sich.

Worte und Namen sammeln sich unter einem Thema. Sie docken an gesellschaftliche Diskurse, wie Muscheln an große Steine, und verändern ihre Oberfläche. Da bildet sich eine Struktur die über die Zeit abgetragen oder erweitert wird.

Ich ziehe Urban Pamphleteer Nr 5 zu “Global Education for Urban Futures” aus dem Regal. Gabrielle Bendiner-Viani und Shana Agid reflektieren den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess der sich abwetzen und neu aufgetragen werden muss wie folgt:

„Einige unserer meistbenutzten Wörter zum Verständnis des Stadtlebens sind diejenigen, die am wenigsten verstanden werden. In Räumen, in denen wir uns einig zu sein glauben, entstehen die interessantesten Unterschiede und Möglichkeiten für einen Dialog. Wir achten auf die Überschneidungen und Abweichungen in der Sprache, die die Menschen verwenden, um zu sagen, was wir für wahr oder wichtig oder unmöglich oder unvermeidlich halten. Die Menschen meinen nicht immer dasselbe, wenn wir von "Non-Profit" oder "Heimat" sprechen, so wie wir auch nicht immer dasselbe meinen, wenn wir "queer", "Gemeinschaft", "Macht" oder "Rassismus" sagen. Kollaboration", "das Städtische" und "global" erfordern tatsächliche Gespräche und nicht die Annahme gemeinsamer Bezugspunkte.“

Der Drang bleibt das zu versammeln, was verstreut zu liegen scheint.

Die Utopien kullern wie Murmeln durch die Zeit. Und das murmeln wird lauter und verwebt sich zu einem einzigen Rauschen.

ich fliehe in viele kleine Utopien.

Awista Gardi will meine Hoffnung aufpolieren und schreibt in Yallah Salon Nr.1 auf S. 48:

“Durch das Entwerfen von Utopien können die vielfältigen Wissensarchive marginalisierter Communities als Inspiration für Zukunftsperspektiven hin zu einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit genutzt werden. Utopien als politische Praxen der Kompliz:innenschaft entfalten ihr Widerstandspotential dabei auf diskursiver und praktischer Ebene, indem sie gegebene Verhältnisse delegitimieren, gegenhegemoniale Sprechräume eröffnen und Anreize zum politischen Handeln bereitstellen. Dabei können sie sowohl in Bezug auf ihr emanzipatorisches Potential as auch im Zuge ihrer Verwobenheit in diskriminierende Strukturen machtvolle Wirkungen entfalten. Reflexiv genutzt, bilden sie eine von vielen Antworten auf die Frage nach möglichen Wegen gelebter Kompliz*innenschaft”

Eine rote Katze durchquert den Raum, ich folge ihr hinaus.

TK: Als smoothen Übergang spielen wir jetzt Trip to Düsseldorf von Salmon Cat.

[Song: Trip to Düsseldorf by Salmon Cat]

TK: Als Nächstes spielen wir ein vorab aufgezeichnetes Interview mit unserem letzten Artist in Residence, Aron Rossman-Kiss.

Aron Rossman-Kiss ist Künstler mit einem Hintergrund in den Sozialwissenschaften. In seinen Arbeiten, die er mit verschiedenen Medien realisiert und die oft auf Feldforschung und Zusammenarbeit beruhen, konzentriert er sich auf Themen wie Bildung kollektiver Erinnerungen, Überschneidung von Kunst und Politik und soziale Konstruktion von Natur. Er lebt derzeit in Budapest.

[Hier könnt ihr das Interview mit Aron Rossman-Kiss lesen.]

[Song: Hayda by Derya Yildirim and Tellavision]

TK: Das war unser letztes Lied von den in Wahlberliner:innnen Derya Yildrim und Tellavision. Wie bereist erwähnt wird das gesamte Skript auf englisch auf unserer Website zu finden sein, mit allen Referenzen und Beiträgen.

Vielen Dank fürs Zuhören! [und fürs Lesen!]


Referenzen:

Gemeinschaften: Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Joseph Vogl, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.

Gemeinschaftsräume, Anarchitektur Nr. 10, 2003.

Horizonte No.6, „Angst”: Mass Protest & Mass Ornament, Scott Sørli, 2012.

Horizonte No. 8, „Grenzen”: Flying the Coop, Emily Kutil, 2013.

Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit, Édouard Glissant, Beate Thill (Übersetzung), Heidelberg: Wunderhorn 2005 (2013).

Magazine Automatique: Angreifen, ein Übersetzungsprozess, Julia Nitschke, 2021.

Public Sphere and Experience: Toward an Analysis of the Bourgeois and Proletarian Public Sphere (1993), from Horizonte 'Angst'.

Tbilisi – Archive of Transition, Neuburg / Pranz / Soselia / Tsereteli / Vogler / Weiss (Hg.), niggli 2018.

Urban Pamphleteer No. 5 “Global Education for Urban Futures”: Finding community and other critical words, Gabrielle Bendiner-Viani / Shana Agid, 2015.

Yallah Salon No.1 „Kompliz:innenschaft”, Utopien als politische Praxen der Kompliz:innenschaft, Awista Gardi, 2020.

Photo Credits:

Impossible Library and Montez Press Radio.

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